Dauerberieselung

Wie alle archaischen Künste ist die Musik zu einer unerwünscht allgegenwärtigen Dauerberieselung verkommen. Geh in einen Supermarkt und du wirst berieselt, ruf deinen Zahnarzt an und du wirst berieselt. Selbst ernsthafte Nachrichten werden mit Musikberieselung unterlegt, um das geneigte Publikum bei der Stange zu halten …

Ich erinnere mich an eine Welt, in der man Musik nur hören konnte, wenn in der Nähe jemand ein Instrument spielte oder sang. Noch bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein muss dies der Alltag gewesen sein. Ich selbst habe so eine Welt gelegentlich auf Reisen erlebt, und bei mir zuhause ist es noch heute fast immer so ruhig, wenn gerade niemand singt oder spielt.

Die Erfindung der akustischen Aufnahme- und Wiedergabetechnik hat diesen paradiesischen Zuständen ein Ende gesetzt. Dabei ist die technische Qualität viel weniger wichtig als die Verfügbarkeit. Hesse erzählt im „Steppenwolf“ (1927) von Mozart, der sich für Händel-Musik aus einem 30er-Jahre-Volksempfänger begeistert. Der Steppenwolf stört sich am verzerrt scheppernden Klang, aber Mozart ist es wichtiger, dass er diese Musik überhaupt hören kann, ohne zunächst ein Orchester zu besetzen und mit diesem die Partitur einzustudieren.

Es ist fantastisch, welche musikalischen Ereignisse nicht mehr nur durch Noten, sondern auch als Tonaufnahme erhalten und uns (in Kopie) jederzeit zugänglich geworden sind. Aber das Musikgeschäft macht mit diesem Medium, was man erwartet: Dauerberieselung mit kastrierten Ablagerungen einstiger musikalischer Ideen, in 1000facher Form sich endlos wiederholend, allgegenwärtig.

Noch gibt es ein Entkommen, in tiefer Natur oder in abgeschlossenen Räumen, oft auch unversehens mitten in einer Stadt. In jeder gibt es Plätze voller Stille. Selbst wenn hier ein einsamer Schlager aus einem Kofferradio erklingt, kann mich das nicht stören, es wird Eins mit der Stille, verschwindet in ihr, und ich winke dem träumenden Teenager hinter seinem halboffenen Fenster zu.

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1 Kommentar

  1. Schöner Text, der sich auch auf alles Grafische beziehen lässt. So war Design / Kunst früher auch nur wenigen Leuten vorbehalten, und heute wird man an jeder Ecke von Werbeplakaten oder Leuchtreklame berieselt.

    Anderseits ist Kunst (oder Design) nun dank Internationalisierung & Internet nun für Viele zugänglich, was prinzipiell natürlich eine schöne Sache ist.

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