Reich Geboren

Ein geradezu klassisches Hindernis gegen jeden Müßiggang liegt in der Not, für den eigenen Unterhalt zu sorgen. Schon immer sind mir die aufgefallen, denen das erspart blieb. Sind sie Meister des Müßiggangs? …

Die wenigen, die ich persönlich kenne, sprechen nicht dafür. Sie leben in Ungewissheit, ob sie denn zu überleben in der Lage wären, wenn ihr Vermögen plötzlich verfiele. Sie haben nicht erfahren, sich materiell auf Dauer selbst gegen alle widrigen Umstände zu behaupten, und das schafft einen ängstlichen Hintergrund.

Viele von ihnen überwinden das und kämpfen für die Bewahrung und Vermehrung ihres Reichtums, und vielleicht sogar für andere Ziele. Sie hatten eben nur ein gutes Start-Kapital. Das Spiel um die materielle Existenz startete einfach mit einem Guthaben, so what? Schön für sie.

Der typische reich Geborene scheint mit eher der zu sein, der die Welt der Reichen kennt und ihrer überdrüssig geworden ist. Er eignet sich nicht für Kapitalistengeschäfte, und er hat es auch – mit etwas Glück – nicht nötig. Manche versuchen sich als Künstler, andere schauen sich neugierig in der Welt der Nicht-Reichen um. Dabei werden sie schnell als Außenseiter erkannt, oft schon allein durch ihr anerzogen verfeinertes Benehmen, aber spätestens bei Gesprächen über Geld und Beruf. Hier hat der reich Geborene nichts beizutragen, er erinnert an einen Ethnologen, der eine fremde Kultur erforscht.

Bald wird er von allen Seiten mehr oder weniger offensichtlich angebaggert und hofiert, und das drängt ihn zu den Wenigen, die dies nicht tun und auf ihre Art Müßiggänger sind. Letztlich muss er auch dort erkennen, das die meisten von ihnen nur zu gehemmt oder zu eitel waren, um ihn zu hofieren. Die Nicht-Reichen sind nicht interessanter als die Reichen, und ihre ständige Sorge um Geld geht ihm auf die Nerven. Dies ist der Moment, wo er ein paar alte Nummern aus seinem Telefonbuch heraussucht und Verabredungen trifft.

So wird er nicht zu einem Müßiggänger, sondern zu einem Wanderer zwischen den Welten, eine wahre Integration findet nicht statt. Wir begegnen den Reichen immer noch wie Göttern oder Königen: mit Unterwerfung oder Rebellion und allen erdenklichen schäbigen Tricks, um an ihr Geld zu kommen.

Sie sind wirklich zu bedauern, hey? Ich gebe zu: ich bin sehr neidisch.

Print Friendly, PDF & Email

Du magst vielleicht auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.