Die Welt als Bild

Menschen haben sich schon immer Bilder von der Welt gemacht und diese auch mit den jeweils gängigen Mitteln kommuniziert: Höhlenbilder, Statuen, Ölgemälde, Fotos, usw. Doch über Jahrtausende hinweg haben wir zuerst die Welt wahrgenommen, und erst dann Reproduktionen einzelner Aspekte als Bilder. Heute erscheint die Welt als schlechte Reproduktion der Bilder, die wir zuerst gesehen haben …

Dies liegt zum einen schlicht an der Menge der existierenden Bilder. Ursprünglich gab es nur wenige Spezialisten, die in der Lage waren, einen erkennbaren Stier an eine Höhlenwand zu zeichnen. Außerdem ging die Spezialisierung nicht so weit, diese wenigen dafür von anderen Tätigkeiten freizustellen, daher hatten diese nur wenig Zeit zum Malen oder zum Schnitzen einer Venus von Willendorf. Heute kann jeder Depp ein ansehnliches Foto knipsen. Gisèle Freund (1974)* beschreibt die Ablösung der Portraitmalerei durch die Fotografie in sehr anschaulicher Weise.

Es liegt weiter am Ausmaß ihrer sofortigen Verfügbarkeit an jedem Ort. Von den Zeitgenossen der Höhlenmalerei dürften nur die wenigsten diese Bilder gesehen haben. Später musste man  Museen und Bibliotheken besuchen oder aber auch Jahrmärkte. Zuhause hingen die Maria und der Kaiser an der Wand – als Bilder. Später kam das gerahmte Hochzeitsfoto dazu. Aber noch immer entdeckte der Mensch die meisten Dinge und Situationen zuerst als wirkliches Erleben, noch bevor er Bilder davon hätte sehen können.

Und es liegt an einer für mich rätselhaften Neigung der meisten Menschen, Bilder für wahrer zu halten als die eigene Wahrnehmung dessen, was das Bild zu zeigen versucht. Bekommt man eine Berühmtheit, ein Reiseziel oder auch einen Chat-Partner leibhaftig zu sehen, so ruft die eigene Wahrnehmung zuerst die Bilder ab, die ich davon schon gesehen habe. Ist das wirkliche Model nicht gekämmt, qualmt ein Schornstein neben dem wirklichen Strand, so wird diese Wahrnehmung sofort von den Bildern verdrängt, noch bevor wir uns ihrer bewusst werden können. Wir wollen diese Abweichung nicht wahr haben, weil sie die aus Bildern gebaute eigene Welt untergraben würde. Werden wir mit den Abweichungen deutlicher konfrontiert, so reagieren wir mit Intoleranz bis hin zu Rassenhass und Zerstörungswut.

Schopenhauer sprach (1819) von einer “Welt als Wille und Vorstellung”. Wir selbst aber, und die nach uns Geborenen viel mehr, erleben die Welt erst, nachdem wir schon Bilder von ihr gesehen haben. Unsere Welt besteht (subjektiv) nur noch aus einem riesigen Haufen Bilder, von denen die eigene Wahrnehmung, und damit auch Wille und Vorstellung erschlagen werden.

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