Über Balzverhalten in der Musik

Kürzlich fand ich beim Aufräumen ein hübsches Büchlein im 60er-Jahre-Look: “Die Nachtigall singt in der Ferne”. Dort blitzten in all dem unterhaltsamen Kram ein paar Sätze von Robert Ardey auf, von dem ich noch nie gehört hatte …

Was Ardrey bei Buchfinken beobachtet hat, verführt zu der Frage: gilt dies auch für menschliche Solisten, insbesondere Sänger (ersetzen Sie in folgenden Zitaten “Vogel” durch “Sänger” usw.):

“Das Männchen singt von seinen Besitztümern. … Er verkündet allen anderen Männchen, daß hier ein begüterter Vogel bereit ist, seine Besitztümer zu verteidigen.”  (Ardrey 1966).

Oft sind menschliche Solisten arm, aber ihr Besitztum liegt darin, als Solist anerkannt zu sein. Dies gilt es zu verteidigen. Richtig erfolgreiche Stars (in Pop und “Klassik” gleichermaßen) sind zudem reich und besitzen zahlreiche Luxusautos, Villen, Diamanten und dergleichen. Um dies zu bewahren hat er oft nichts als seine musikalische Performance. Wird die nicht mehr anerkannt, droht im der Verlust seiner Besitztümer. Dies ist z.B. Eric Burdon geschehen, dem führeren Sänger der Animals (“House of the rising sun”, klar?).

Gilt das gleiche auch für weibliche Buchfinken? Nach Ardey anscheinend nicht.

“Wendet sich der Gesang an das Weibchen, so nicht um ihm sexuelle Bereitschaft anzuzeigen – von einem Männchen darf man sie voraussetzen -, sondern um ihm kundzutun, dass der begüterte Sänger seiner Aufmerksamkeit wert sei. Dies ist eine wichtige Information für das weibliche Ohr.” (Ardrey 1966).

Sie haben die typische “Weibchen-Rolle”. Wir Menschen scheinen mir da emanzipierter, aber die “Quote” weiblicher Musikstars liegt dennoch hinter ihrem Geburtenanteil – wie meistens.

Auf den ersten Blick erstaunt die Relativierung des Sexuellen: wollen Pop-Stars nicht in erster Linie sexuell attraktiv sein? Zumindest bei Buchfinken scheint dies eher Mittel zum Zweck. Ist der Star-Status erreicht, kann sexuelle Attraktivität – schon allein deshalb – vorausgesetzt werden. Hier gilt eine enge Konkurrenz, wer dennoch (oder darüber hinaus) etwas “wert” sei. Nur durch Musik ist davon nicht leicht zu überzeugen. Vielleicht veranstalten so viele Musiker deshalb Benefizkonzerte oder engagieren sich in Wohltätigkeitsvereinen, auch das dringt als Information an das “weibliche Ohr”.

Ohnehin haben wir immer noch Scharen von Teenagern die hysterisch ihre Idole feiern und vor der Sozialhilfe bewahren, die Idole sind austauschbar, und dazu braucht es nicht viel …

Allerdings muss ich gestehen, dass ich Ardrey bisher nicht selbst gelesen habe. Ich kenne nur eine Handvoll Zitate in deutscher Übersetzung. Ich wäre gespannt zu erfahren, ob denn auch das Buchfinkenweibchen singt und was das Buchfunkenmännchen außer Singen sonst noch treibt. Und nicht zuletzt, ob Ardray die Geschlechterrollen aus seinem Kopf auf die Buchfinken projiziert. Wie konnte er verstehen, dass der Buchfink von seinen Besitztümern berichtet, und nicht von seiner Oma? So oder so – Ardrey ist zumindest ein begnadeter Geschichtenerzähler.

 

Print Friendly, PDF & Email

Du magst vielleicht auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.