Auf der Suche nach dem Müßiggang

Wer sich für Müßiggang interessiert, stößt schnell auf ein Buch von Hermann Hesse (1904): Die Kunst des Müßiggangs. Leider handelt es sich hierbei um eine eher unkritische Sammlung kurzer Prosa aus dem Nachlass, und der Titel-gebende Beitrag ist gerade mal 6 Seiten lang …

Zentrales Thema ist “orientalische Trägheit, das heißt der zu einer Kunst entwickelte, mit Geschmack beherrschte und genossene Müßiggang.” 1904 mag der fern-östliche “Diwan”noch (oder wieder) eine verbreitete Vorstellung gewesen sein, aber heute denken wir bei “orientalisch” weniger an entspannte Trägheit als an Terrorangriffe, die uns bestenfalls aus heiterem Himmel treffen.

Näher bringt mich ein Zitat von 1928, das der Herausgeber seiner Auswahl vorangestellt hat: “Wenn ich im Grunde nicht ein sehr arbeitsamer Mensch wäre, wie wäre ich je auf die Idee gekommen, Loblieder und Theorien des Müßiggangs auszudenken. Die geborenen, die genialen Müßiggänger tun dergleichen niemals.

Zu den geborenen und den genialen gehöre ich sicher nicht, sie sind wohl auch Fiktion, denn in Wahrheit ist Müßiggang ein Zustand, der uns alle von Zeit zu Zeit befällt, den einen mehr, die andere weniger. Es gehört natürlich dazu: das Frei-sein von Terminen, aber selbst zwischen zwei Telefonkonferenzen lassen sich einige Minuten Müßiggang herbeizaubern.

Es braucht dazu bloß ein Sich-fallen-lassen, das sich auf vielerlei Weisen herbeiführen lässt, ganz ohne Zauberei. Ich benutze dazu ein paar aufgeschnappte mentale Gesten des Autogenen Trainings, mit denen ich meine ganze Wahrnehmung zunächst auf den eigenen Körper konzentriere. Die Umwelt verschwindet dann für Momente aus meinem Bewusstsein, und ich gebe jeden Widerstand gegen die Schwerkraft auf. Der Trick besteht darin, in diesem Zustand nicht einfach hinzusinken oder wenigstens dem Pausengespräch Kaffee über den Ärmel zu schütteln. Die Muskeln lockern sich, und aus dem Stehen wird  ein Schweben mit leichtem Bodenkontakt – ich möchte nicht zu sehr auffallen.

Nach und nach taucht die Umwelt wieder in meiner Wahrnehmung auf, aber nun ist sie eher bevölkertes Parkett von ungeschickten Tänzern, zwischen denen ich wie eine Marionette mich bewege, ohne irgendwo anzustoßen. Nun erinnere ich mich an einige Ziele und Termine, die sich wie von selbst in ihrer Relevanz zurechtrütteln, wobei nicht wenige sich in ein Nichts auflösen, das mir freien Raum schafft, mich den anderen zu widmen. Den anderen Zielen und Terminen, aber auch den anderen Personen, frei dafür, was nun entstehen will.

Müßiggang ist kein Nichts-tun. es ist eine Art, den Dingen ihren Lauf zu lassen, eben müßig zu gehen und nicht gegen alle Widerstände auf einem Stand-Punkt zu beharren. Der eigene “Standpunkt” ergibt sich in der Bewegung, es ist eine individuelle Art, über Hindernisse zu tanzen oder aber sie zu umgehen, über die ich immer wieder nur staunen kann.

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