Labyrinthe

Jedes Jahr im Frühling taucht in der Bonner Rheinaue “Das größte mobile Labyrinth der Welt” auf. Jedes Jahr ärgere ich mich darüber, zum einen wegen der zertrampelten Wiese, die es hinterlässt, zum anderen wegen der Vergewaltigung des Wortes “Labyrinth”. Das, was da aufgebaut ist, ist ein Irrgarten, und kein Labyrinth …

Herman Kern hat diese Begriffe schon (1982) überzeugend unterschieden. Das Labyrinth ist eine eigentlich einfache traditionelle Form (links im Bild), in der man sich gar nicht verlaufen kann, der Irrgarten ist ein im Prinzip chaotisches Gewirr von Abzweigungen, die größtenteils in Sackgassen münden, wie z.B. im rechten Bild.

Das Labyrinth geht man von außen nach innen (wie auch den Irrgarten), aber man folgt Kreisbögen um das Zentrum herum und Windungen, die weiter nach innen oder auch wieder nach außen führen. Aber nirgendwo gibt es eine Verzweigung, und es gibt keine Sackgassen. Die einzige Möglichkeit des Verirrens besteht darin, dass ich irgendwo eine Pause einlege und danach nicht mehr weiß, aus welcher Richtung ich gekommen bin. Eine falsche Entscheidung führt hier zum Eingang zurück, weiter nichts. Wenn ich natürlich viele solcher Pausen einlege, und mich planlos richtig oder falsch entscheide, bestünde theoretisch die Möglichkeit, endlos herumzuirren.

In alten Zeiten schritt man diese Form rituell von außen nach innen und zurück. Die Form selbst war auf dem Boden aufgemalt oder als Weg zwischen Steinen markiert. Es mag sein, dass frühe Menschen aus dieser Perspektive heraus diese Form nicht erfassen konnten und durch die vielen Windungen beim Gehen einer subjektiven Orientierungslosigkeit verfielen. Jedenfalls galt die Form lange als “Geheimwissen” von Königen und Priestern.

Aus dieser Sicht muss man die Geschichte vom Faden der Ariadne neu erzählen. Ariadne war eine keltische Königstochter, also nehmen wir mal an, dass sie das Geheimwissen kannte. Theseus war ein Vagabund des griechischen Imperialismus, und glaubte, dass man sich im Labyrinth verlaufen könne. Irgendjemand muss ihm das erzählt haben. Vielleicht Ariadne selbst?

Jedenfalls steht sie am Eingang und hält für ihn ein Knäuel Wolle, von dem er einen Faden abwickelt während er hineingeht. Ähnlich wie die Sache mit den Brotkrumen oder Reiskörnern im Märchen, aber viel intimer, weil sie durch einen Faden verbunden sind, während sich das alles abspielt.

Aber sie hätte doch sagen können: “Geh nur hinein und folge dem Gang bis zur Mitte, ohne umzudrehen”. Aber nein – sie darf (oder will?) das Geheimnis nicht verraten und täuscht Theseus in dieser Hinsicht durch den Fadentrick, um seine Furcht zu beruhigen und so zum Erfolg beizutragen. Tatsächlich erschlägt Theseus dann den Minotaurus (immerhin Adriadnes Halbbruder) im Zentrum des Labyrinths und findet zurück, was der Zweck der ganzen Übung war. Vielleicht sagen wir auch deshalb heute “geschickt eingefädelt”?

Währenddessen kehrt Das Größte Mobile Labyrinth der Welt” unerschüttert in die Rheinaue zurück: “Und wenn alles so läuft wie geplant, wird das Labyrinth dann noch schwieriger und spannender sein. Lassen Sie sich überraschen!”.

Wir wissen nun, dass dies ein Irrgarten ist und dass ein wirkliches Labyrinth nie “schwieriger und spannender” werden kann, nachdem man die einfache Form einmal erfasst hat, selbst wenn man dabei “den Faden verliert”. Vielmehr versetzt die Wiederholung des bekannten Gangs durch Bögen und Windungen in eine meditative Schwingung, was einem Irrgarten nie gelingen wird.

Daher gilt: Labyrinthe statt Irrgärten in der Rheinaue!

Zeichenanleitung Labyrinthe (H. Klein nach Thordrup)

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