Entwurf vom Spielcharakter des Alltags

Huizinga dachte (1956) nicht mehr darüber nach, “welchen Platz das Spielen mitten unter den übrigen Kulturerscheinungen einnimmt”. Er hatte das lange genug aus allen Gesichtswinkeln beobachtet und fragte nun – konsequent und mutig – “inwieweit die Kultur selbst Spielcharakter hat“. Mir persönlich ist diese Orientierung auf “Kultur” noch zu distanziert, ich sehe lieber die Spiele des alltäglichen Lebens außerhalb von Museen, Sportarenen und Konzertsälen …

In jedem Moment finden zahlreiche Spiele statt, die wir als solche ohne Übung nicht erkennen. Selbst dann kennen wir die Spielregeln nur bruchstückhaft, und wir wissen nicht, wer in welchem Spiel mitspielt. Ein Beispiel:

Ich saß mit zwei Kollegen beim Mittagessen in einem beinahe eleganten Business-Restaurant. Meine Mahlzeit hatte ich falsch gewählt, ich fühlte mich voll und vom verbliebenen Rest auf dem Teller abgestoßen. Zudem stockte das Gespräch. Ich legte das Besteck irgendwie ab ohne darüber nachzudenken und ging zur Toilette, in der stillen Hoffnung, dass die Teller nachher abgeräumt sein würden wie von Zauberhand. Aber als ich zum Tisch zurückkehrte, sah ich mit Entsetzen, dass alle Teller abgeräumt waren bis auf meinen. Dort blickten mich die nun auch noch kalt gewordenen Essensreste strafend an, darüber immer noch schweigend das (zufällig) gekreuzte Besteck.

Ein Kollege bemerkte mein Stauen (wenn nicht meine Abscheu) und erinnerte mich lächelnd daran, dass das gekreuzte Besteck über dem Teller als Signal für die Bedienung gilt, den Teller nicht abzuräumen. Diese Spielregel war mir vollkommen unbekannt, und auch erst jetzt wurde mir klar, dass in diesem Restaurant das Spiel “Wir zeigen unsere gehobenen Tisch-Manieren” gespielt wurde. Rasch legte ich das Besteck parallel und lehnte mich mit einem überlegenen (wie mir schien) Lächeln zurück.

Meine Kollegen, denen die Spielregel bekannt gewesen war, reagierten mit vorzüglicher Höflichkeit, ähnlich wie man einen Furz in der Öffentlichkeit rücksichtsvoll ignoriert. Sie taten so, als hätte ich die Regel nur aus momentaner Nachlässigkeit verletzt. Sie spielten mein Spiel mit.

Es gab nicht genügend Gründe, mich als Dummkopf, Falschspieler, oder gar Spielverderber einzustufen. Dummköpfe kennen überhaupt keine Spielregeln. Meine Kollegen kannten mich bereits genügend aus anderen Situationen, um das auszuschließen. Falschspielen kam ebenso wenig in Betracht, denn ich hatte ja nicht gemogelt. Als geschickter Falschspieler hätte ich dabei noch dabei eine geheime Anerkennung wegen meiner Geschicklichkeit genießen können. Da hatte ich nichts vorzubringen.

Am übelsten geht es den Spielverderbern, aber ich hatte ja nicht zornig nach der Kellnerin gerufen (was das Spiel verdorben hätte), sondern (hoffentlich) überlegen gelächelt und so meine Nachlässigkeit korrigiert. Ein Spielverderber würde das gerade gültige Spiel zerstören und alle Spieler in ein Nichts der Orientierungslosigkeit stürzen, wenn man ihn denn gewähren ließe.

Vielleicht war das Beispiel mit den “Tischmanieren” doch noch zu nahe an dem, was wir unter “Kultur” verstehen (in einer Sprache, die auch das Wort “Kulturbeutel” kennt). Vielleicht hätte ich besser Spiele wie “XYZ-ist-unser-beliebter-Führer” oder auch nur “bei-Rot-gehe-ich-nicht-über-die-Ampel” zum Beispiel genommen, um die potentielle Gefährlichkeit von Verletzungen der gerade gültigen Spielregeln aufzuzeigen. Vielleicht würden Sie dann verstehen, dass ich keine Computerspiele mehr brauche.

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