Der Moment

Bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts brauchte es Belichtungszeiten von mehreren Minuten, um ein Portrait oder Gruppenbild aufzunehmen. Dennoch zeigte dieses Bild hinterher scheinbar einen einzigen Moment der Realität …

Die Abgebildeten erlebten diesen “Moment” dagegen unerträglich langgezogen. Sie durften sich nicht rühren. Man erfand spezielle Kopfstützen für Portraitaufnahmen, um denselben ruhig zu halten. Der Fotograf schwitzte blind unter dunklem Tuch, ob die Aufnahme wohl gelingen würde. Dies entschied sich aber erst endlos später in der Dunkelkammer, wenn (und ob) er dann den eingefangenen “Moment” in der Entwicklerflüssigkeit auftauchen sah.

Die Erfindung der “Momentaufnahme” (Älteren auch als “M”-Einstellung einfacher Kameras bekannt) machte all dies für den Moment der Aufnahme überflüssig. Heute können schon Amateurkameras in einer einzigen Minute mehrere hundertmal belichten. Es gab schnelle Fotolabore und für die ganz Ungeduldigen Polaroid Kameras. Inzwischen sehen wir auf Digitalkameras das fertige Bild schon während der Aufnahme.

Es gibt also viele Momente: den Moment der Aufnahme (Belichtung), den schließlich abgebildeten Moment, den Moment, in dem das aufgenommene Bild sichtbar wird, und all die verpassten Momente, die auf den Bildern nicht zu sehen sind.

Doch wie lange dauert ein Moment, und wann findet er genau statt?

Relativ einfach kann man dies für den “aufschlagenden Wassertropfen” oder den “durchschossenen Sektkelch” beantworten. In beiden Fällen spritzen fotogene Tropfen oder Glassplitter durch die Luft, und dies nur für extrem kurze Zeit. Der Moment ist also klar umrissen und rekonstruierbar. Hier braucht es heute nur ein schnelles Blitzlicht und ein paar Versuche.

Der “Moment” eines Hochzeitskusses verbirgt sich in einem komplexen Ablauf. Zunächst wenden sich die Gesichter zu, zögern einen Moment (!), dann suchen sich die Lippen, und nun ereignet sich der eigentliche Kuss, was allein schon Sekunden dauern kann. Währenddessen wirft der Eine unvorteilhafte Schatten auf die Andere, oder sie verdeckt ihn halb, und vielleicht wenden sie sich beide ganz ab. Der Fotograf hat kaum eine Chance, ohne jedes Posieren des Paares zu dem “entscheidenden” Bild zu kommen.

Natürlich hilft eine schnelle Bildfolge, die – fast wie ein Film – die ganze Zeit über belichtet, so kann der geneigte Fotograf hinterher in Ruhe auswählen. Aber das gilt in der Szene zumindest als unsportlich (wie übrigens auch jede nachträgliche Korrektur des Bildauschnitts, selbst wenn sie mit der Schere vorgenommen wird).

Viel härter sind die Anforderungen der Street Photography. Mary Ellen Mark (2015) beschreibt eindringlich alle Bildelemente, die zur Deckung gebracht werden können, bis ein Bild “funktioniert”. Dabei bleiben dem Fotografen nur der Wechsel der Position oder des Objektivs und, vor allem, geduldiges Warten. Mary Ellen schreckt deshalb vor gewissen Arrangements nicht zurück, mit denen sie solche Momente zu provozieren sucht. Das kann funktionieren, wie ihre Bilder beweisen.

Andere scheitern schon beim Versuch, das Fußballtor des eigenen Sohnes ins rechte Bild zu rücken. Der “ehrliche” Fotograf steckt schamvoll seine Bilder weg, wenn Prahlhans seine Maschinen-Clips vor der Nachbarschaft ausbreitet. Und überlegen Sie mal, was bei einem Bundesligaspiel an Stück Fotografen und Gerät aufgeboten wird. Dagegen anzuknipsen erfordert großen Mut und verdient großmütige Anerkennung.

 

 

 

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