Repräsentator

1983 beteiligte ich mich bei einem Erzähl-Wettbewerb. Zehn junge Autoren sollten zu einer Schreib-Werkstatt mit berühmten Lektoren eingeladen werden. Natürlich gehörte ich zu den Auserwählten: diese Jury bewies einmal Verstand von der Sache …

Wir zehn reisten also alle nach S., ein kleines Städchen mitten im endlos scheinenden flachen Land. Es schien mir wie eine ferngesteuerte Sternfahrt, wir zehn bewegten uns nach einer höheren Choreografie auf den Ort des Geschehens zu. Mit jedem Meter näherten sich die Aspiranten einem imaginären Punkt im Raum, eilten ihrer erhofften Einweihung in Geheimnisse entgegen, die sie gemeinsam mit den jeweils neun Unbekannten erfahren würden.

Dort ging es zunächst ein wenig zu wie in einer Schule. Das war dem Anlass ja nicht unangemessen, und bald setzte eine allgemeine Euphorie ein, wie ich sie in der Schule nie habe erleben dürfen. Jeden Tag wurden drei eingesandte Manuskripte mit allen Teilnehmern gemeinsam lektoriert. Meist wurden die Erzählungen systematisch zerrissen, und es bereitete große Freude, einen weiteren Makel zu entdecken. Hierin bewiesen die Lektoren (und auch die auserwählten Amateuere) außerordentliches Talent. Ich habe das einmal noch krasser in einem Foto-Workshop erlebt. Jede Kritik ist eigentlich berechtigt, aber alle zusammen zernagen sie die Substanz eines Fotos oder einer Erzählung wie Pyranhas. Am Ende erkennt der Autor nur noch Schwächen seines Werks, aber nicht mehr seinen Wert.

Nur wer an diesem Punkt nicht aufgibt, kann es einmal schaffen. Die Wertschätzung bestand ja schon daraus, dass man eingeladen war, und berühmte Lektoren stritten auf hohem Niveau. Man durfte – wenigstens für ein paar Tage – sich zugehörig fühlen in diesem inneren Zirkel der zeitgenössischen Literatur.

Mein Beitrag hieß “Repräsentator” und spielte durchaus im ersten Drittel mit. Die Zerfleischung fiel gnädig aus, und einer der Lektoren sagte den denkwürdigen Satz: “Diese Geschichte weiß mehr als ihr Autor.”, womit er einmal mehr bewies, das Lektoren verkannte Autoren sind. Mir aber schmeichelte das ungemein, hatte ich doch großen Respekt vor der Treffsicherheit von Geschichten bei der Wahl eines würdigen Autors.

(Es gibt bekanntlich eine konstante Menge von Geschichten, die immer wieder von Autoren erzählt werden. Nur ist es nicht so, dass der Autor sich die Geschichte aussucht, vielmehr sucht sich die Geschichte ihren Autor, ähnlich wie bei Liedern und Sängern).

Gestärkt von solchen Erkenntnissen (die meist von der Köchin U. vermittelt wurden), brachen wir zum Abendspaziergang auf. Hier wählten wir H. einstimmig zu unserer Vorsitzenden, “weil sie so schön sitzen kann”. Gespannt erwarteten wir die nächste Sitzung, wo sie uns ein wenig vorsitzen würde. Zuvor gab sie eine Probe auf der Parkbank. “Schaut nur wie schön sie sitzt!” riefen wir begeistert.

Mit solcherlei Eskapaden stachelten wir uns bis in die Nacht auf. Wenn wir uns über irgendetwas wunderten, dann darüber, dass nicht alle Menschen unseren genialen Witz verstanden. Die Kellnerin im Bistro, der von der Arbeit heimkehrende Polizist. Das Seilchen springende Mädchen, das gerade zum Abendessen gerufen wurde, vielleicht am ehesten.

Ich betrat eine Telefonzelle, um L. anzurufen. Nach einer Weile brach die Verbindung aus irgendeinem technischen Grunde ab, es ertönte nur ein immer wiederholter dunkler leichter Schlag, fast wie ein Pulsieren. Ich aber nahm an, dass L. von der Intensität des Gesprächs überwältigt den Hörer an ihr Herz gepresst hatte.

Auch wir waren zum Abendessen gerufen. U. (die Köchin) rührte den Suppentopf wie die alte Hexe, die man an dieser Stelle erwarten durfte. Soso. Nächste Woche trifft sich hier Michael Ende mit sieben Übersetzern (sieben verschiedene Sprachen natürlich). Aber meistens erzählte sie alte Geschichten aus dem Nähkästchen, die sie mit allerlei berühmten Autoren (und Lektoren natürlich) erlebt hatte. Schade, dass sie darüber nie eine Zeile aufgeschrieben hat, nachdem nicht nur ich sie eindringlich darum gebeten hatte. Aber sie – ganz die professionelle Köchin – bestand auf mündlicher Überlieferung.

Seitem habe ich nie mehr eine bessere Geschichte geschrieben, und auch von den anderen habe ich wenig gehört. A. (der contergangeschädigte, blutjunge, glühende Dichter) wurde in eine Anthologie aufgenommen. H. hat später einige Romane veröffentlicht, die aber nichts mehr mit dieser Begegnung zu tun hatten.

 

 

 

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