König Erfolg

Der geneigte Leser mag in diesem Titel eine Anspielung auf “König Alkohol” von Jack London (1913) erkennen. Und tatsächlich scheint mir das, was der Alkohol für Jack London war, gleichzusetzen mit dem, was Erfolg für den heutigen Müßiggänger bedeutet …

Man sollte meinen, daß Müßiggang und Erfolg einander ausschließen. Wer müßig geht, jagt per Definitionem nicht dem Erfolg hinterher.

Aber ist es nicht auch so, dass nicht der Mensch den Erfolg sucht, sondern der Erfolg den Menschen? Dann könnte man ja auch einfach ruhig sitzen bleiben, vielleicht findet der Erfolg ja gerade das total attraktiv. Mag sein, aber wer darauf spekuliert, hat sich schon als Müßiggänger selbst disqualifiziert, sein Müßiggang ist nur noch Pose.

Beim Lesen von Tom Hodgkinson (2004) “Anleitung zum Müßiggang” begegnet mir ein anderer Ansatz: Müßiggang bewirkt Entspannung, und diese Entspannung hilft beim Lebenskampf, bei der Jagd nach Erfolg. Demnach kann man mit Allem Erfolg haben, sei es die Besteigung höchster Berge, die Hilfe der Armen oder die Markteinführung eines neuen Büchsenöffners: (temporärer) Müßiggang ist hier nur eine Entspannungstechnik, die in Arbeitspausen eingesetzt wird.

Der wahre Müßiggänger kann da nur die Nase rümpfen. In den Discos der achtziger Jahre trug ich einen Button, um mich von den “Hobby”-Tänzern abzugrenzen: “I am not a Tourist. I live here.” Diese Touristen in Müßigland sind zum Teil ganz amüsant, wenn man ihnen im richtigen Moment begegnet. Also dann, wenn sie gerade Entspannung üben, aber nicht dann, wenn sie gerade ein Geschäft abschließen wollen. Hodgkinson deckt das recht aufmerksam auf, aber am Ende ist er selbst ein Autor und Kleinunternehmer, der mit der Idee des Müßiggangs erfolgreich Geschäfte macht.

Der wahre Müßiggänger würde wahrscheinlich nie ein Buch zu Ende schreiben und nie mehr als zwei Nummern einer Zeitschrift über den Müßiggang herausgeben. Er nimmt zu Derartigem vielleicht Anlauf, weil es ihn gerade dahin treibt. Doch bei der Umsetzung stößt er zu oft und zu schnell auf Situationen, die dem Müßiggang frontal entgegen stehen. Weiterschreiben wenn man keine Lust hat, ein Layout fristgerecht fertigstellen, obwohl da gerade ein geselliges Nachtmahl winkt – “Nein, Danke!”. Damit ist das jeweilige Projekt gescheitert, also ein Mißerfolg für den Müßiggänger – in seiner Rolle als “Unternehmer”.

Bei allem unternehmerischen Scheitern erfolgreich ist er jedoch als Müßiggänger. Dies ist eine nur wenig bekannte Disziplin, es werden keine Wettkämpfe im Fernsehen übertragen. Selbt ein gelegentlicher Dartspieler in der nächsten Kneipe hat mehr gleich denkendes Publikum als der Müßiggänger. Wie soll der damit überleben? Mit viel Glück und Talent, und mit einer häßlichen Alarmglocke, die ihn rechtzeitig vor der Parkbank rettet. Auch Müßiggang ist Kampf.

Herrman Hesse (1922) Siddharta ist ein schönes Beispiel dafür, wie ein Müßiggänger mit Erfolg umgeht: erst trotzt er seinem Vater die Erlaubnis ab, statt Kaufmann ein wandernder Brahmane zu werden. Dann lässt er sich von einer Begegnung mit dem Buddha nicht zu blinder Gefolgschaft verführen. Jetzt schmeichelt er einer Edelhure mit Gedichten und wird doch noch ein erfolgreicher Kaufmann, um ihr gänzlich zu gefallen. Schließlich steigt er aus, bevor es ihn erdrückt, und findet in dem Fährmann seinen Meister.

Lediglich die Achtung seines Sohnes kann er am Ende nicht gewinnen. Ein vielfaches Scheitern, doch auf der ganzen Linie nichts als Erfolg. Ein literarischer Müßiggänger, der seit vielen Generationen sein Publikum begeistert und als Vorbild geehrt wird.

Wieso aber Erfolg als Sucht? Siddharta scheint frei von dieser Sucht, und doch ist er ihr innerlich verfallen. Er toppt jede Lebensphase mit einer Überraschung, die das Publikum fasziniert, aber ihm selbst eher schadet, wie ein Hans-im-Glück des Showgeschäfts.

Wer nicht so viele Leser hat, muss mit seiner eigenen Freude am Erfolg auskommen. Erfolg ist aber nur dann realisiert, wenn er von Anderen bestätigt wird. Selbst wenn diese Anderen die eigenen Bemühungen vollkommen mißverstehen, ihr Applaus hebt dich an wie sonst nur die Liebe es schafft: es erlöst dich für Momente aus deiner Einsamkeit.

Der Müßiggänger hat jedoch nicht viel zu bieten, das dauerhaft ein Gefolge an sich ziehen könnte. Ein bißchen Spaß, aber dann zurück an die Arbeit. Er ist der “Rattenfänger von Hameln”, wenn er mit seinen Faxen letztlich nur noch eine Horde von Kindern betört.

Was ihm bleibt, sind die Tippelbrüder, von denen nicht wenige den Weg über den Alkohol genommen haben, er aber den Weg des Erfolgs. Doch beide nennen sich “Kollege”, und sie erkennen einander in der Menge ohne ein Zeichen.

 

 

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